Vor dem Pokalfinale 2028

Vor dem Pokalfinale 2018 - Leseprobe aus ‘Der große Traum’

Zur Vorbereitung auf das DFB-Pokalfinale schaute sich Marius im Fernsehen die königliche Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle an. Er dachte, es würde ihn ein wenig ablenken. Schon am Vormittag lief die Übertragung der Hochzeit aus Windsor Castle, und als er am Nachmittag, sechs Stunden vor dem Endspiel gegen Bayern München, in seinem Hotelzimmer abermals den Fernseher einschaltete, wurde immer noch über Meghans Ehering aus walisischem Gold und ihren fünf Meter langen Schleier berichtet. Die ewig gleichen Bilder von der langsamen Kutschenfahrt des Brautpaars durch Windsor hatten etwas Beruhigendes, fast Meditatives. Aber seine Gedanken ließen Marius einfach keine Ruhe. »Ich konnte mich nicht einmal auf einen Gedanken konzentrieren. Die Gedanken gingen ständig ineinander über, und immer waren es nur fragende Gedanken. Wie wird die Stimmung sein? Wie wird der Rasen sein? Wie offensiv wird Alaba spielen?«

Alle Eintracht-Spieler hatten ein Einzelzimmer im Berliner Sheraton erhalten, damit sie sich vor dem Finale wirklich erholen konnten. Es nervte, allein auf dem Zimmer zu sein. Aber er konnte jetzt nicht einfach bei Prince Boateng oder Marc Stendera an der Tür klopfen. Was, wenn sie es geschafft hatten, Mittagsruhe zu halten? Dann würde er sie aufwecken. Marius setzte die Kopfhörer auf. Er hörte Musik und schaute gleichzeitig die königliche Hochzeit im Fernsehen. Aber die verdammten Gedanken waren lauter als die Doppelberieselung.

Was, wenn er gleich in den ersten Spielminuten ein schlechtes Gefühl bekam? Wenn seine Beine schwer waren?

Gegen 16.30 Uhr, dreieinhalb Stunden vor dem Finale, konnte Marius endlich raus aus dem Hotelzimmer, dieser mentalen Gefängniszelle. Sie aßen zur Kaffee-und-Kuchen-Zeit zu Abend, dann würde der Trainer noch ein paar Worte zum Spiel sagen. Marius wusste gar nicht, was Niko Kovac noch sagen wollte. Die Taktik waren sie bereits am Vorabend ausführlich durchgegangen. Es hatte zwei Besprechungen gegeben. In einer erörterte Kovac die Marschroute für die Offensive, in der anderen erklärte er ihre Spielweise in der Defensive. Das hatte es auch noch nicht gegeben, zwei Taktiksitzungen für ein Spiel.

Es war totenstill vor lauter Konzentration und Tatendrang, als der Trainer sie samstags nach dem Abendessen noch einmal in den Tagungsraum bat. »Ich will euch einen Film zeigen«, war alles, was Niko Kovac sagte. Er drückte auf die Fernbedienung.

Auf dem Bild der Leinwand erschien ein behinderter Junge namens Julien im Rollstuhl. Sie hörten, wie Julien seinen Vater bat, einen Triathlon mit ihm zu bestreiten, mit ihm im Rollstuhl. Auf zwölf Minuten hatte Niko Kovac den Spielfilm Mit ganzer Kraft von Nils Tavernier zusammenschneiden lassen. Am Ende sahen die Eintracht-Spieler, wie der Vater den querschnittsgelähmten Sohn in einem Schlauchboot durchs Wasser zog, ihn auf einem Spezialrad 180 Kilometer durch die Landschaft transportierte und im Laufschritt den Rollstuhl schob, um gemeinsam den Ironman aus Schwimmen, Radfahren, Marathonlauf zu bestehen. Die Schlussszene wurde im Tagungsraum des Sheratons langsam ausgeblendet, und ein einziger Satz erschien auf dem Bildschirm: Der Glaube kann Berge versetzen.

Der Trainer sagte nichts mehr. Der Bus fuhr ja gleich ab.

Auf der Fahrt zum Olympiastadion saß wie gewohnt der Prince neben Marius. Der Prince glaubte echt, sie würden gegen die Bayern gewinnen. Der Prince sagte so etwas nicht einfach, der sprach das nur aus, wenn er wirklich ein Gefühl hatte.

Am Vortag waren sie den Bayern kurz begegnet. Die Eintracht ging gerade zum Abschlusstraining auf den Rasen des Berliner Olympiastadions, die Bayern verließen ihn. Thiago, der Mittelfelddompteur der Bayern, grüßte den Prince auf Spanisch. »Machina! Oye, el cesped esta de maravilla. Vamos a machacharos!«

Der Prince hatte ein Jahr für Las Palmas gespielt und sprach schon gleich fließend Spanisch, genau wie Italienisch, Wahnsinn. »Wisst ihr, was Thiago gerade zu mir gesagt hat?«, sagte der Prince zu den Jungs, als die Bayern außer Hörweite waren. »Er meinte, der Rasen sei richtig geil, da würden wir morgen keinen Ball sehen.«

Der Prince wandte sich an Marius: »Die hauen wir morgen weg.«

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